Regionalligaspieler als Volksheld
Regionalligaspieler als Volksheld
Auf einen deutschen Regionalligaspieler wartet das größte Abenteuer: die Teilnahme am Afrika-Cup.
Aus der Regionalliga auf die ganz große Fußballbühne: Auf Stanley Ratifo von Chemie Leipzig wartet das größte Abenteuer. Denn der Stürmer läuft beim Afrika Cup im so fußballverrückten Marokko für die Nationalmannschaft von Mosambik auf. Statt im Alltag gegen Meuselwitz oder Greifswald trifft er bald auf den deutschen WM-Gruppengegner Elfenbeinküste, den vom Chaos verfolgten afrikanischen Riesen Kamerun und Gabun.
Auch seine Mitspieler sind natürlich andere. So wird der Stürmer unter anderem an der Seite von Linksverteidiger Reinildo Mandava, der zuletzt mit dem AFC Sunderland im Derby Nick Woltemade schlug, oder von Genny Catamo, der zuletzt mit Sporting Lissabon in der Champions League knapp beim FC Bayern verlor, auflaufen.
„Sie nehmen mich auch mal zur Seite und geben mir Tipps“, sagte Ratifo vor gut einem Jahr im Interview auf der Homepage seines Vereins Chemie Leipzig zum Zusammenspiel mit den Stars in der Nationalmannschaft: „In der Nationalmannschaft Stammspieler geworden zu sein, darauf bin ich schon auch ein wenig stolz.“
Afrika Cup: Ratifo einziger Spieler aus der Regionalliga im Turnier
Ratifo ist beim Afrika-Cup eine echte Besonderheit. Er ist der einzige Spieler aus der Regionalliga im Turnier und somit auch einer der wenigen Spieler, die kein Profi sind.
Normal läuft er für den Traditionsverein aus Leipzig in der Regionalliga Nordost auf. In der aktuellen Saison traf er in 17 Spielen neunmal und legte zwei Treffer auf. Der 31-Jährige war damit an elf der 16 Treffer der Sachen direkt beteiligt.
In den kommenden Wochen wird er Chemie definitiv im Abstiegskampf fehlen. Aktuell steht der Verein mit 13 Punkten auf dem 16. Tabellenplatz, sechs Punkte hinter dem rettenden Ufer (Platz 14).
Auf Ratifo wartet jetzt aber das ganz besondere Highlight. Für die Nationalmannschaft Mosambiks traf er in 38 Einsätzen auch immerhin neunmal. Als Regionalspieler für eine Nationalmannschaft aufzulaufen sei schon „ein kleines Wunder“, gab der 31-Jährige, der in Halle an der Saale geboren wurde, zu.
Ratifo in Mosambik plötzlich „zu einer Art Heiligen“ geworden
Ein ganz besonderer Treffer sorgte aber dafür, dass er im Heimatland seines Vaters, zum Volkshelden wurde, und dass gleich in seinem ersten Länderspiel.
2017 traf er im prestigeträchtigen Nachbarschaftsduell gegen Sambia in der Nachspielzeit zum 1:0-Sieg. Es war der erste Erfolg für Mosambik gegen den Rivalen nach 42 Jahren. Seitdem wird er in Mosambik regelrecht vergöttert, wie er im SWR-Talkformat SWR1-Leute erzählte: „Viele sagen: Da musste erstmal einer aus Europa kommen, um diesen Fluch zu brechen. Dafür sind mir die Leute im Land auf jeden Fall sehr dankbar.“
Die Fußball-Fans in Mosambik seien unglaublich passioniert, fast schon ein wenig zu übertrieben: „Die Leute verehren dich. Plötzlich wirst du sogar zu einer Art Heiligen.“ 2023 folgte dann mit der Qualifikation und Teilnahme am Afrika-Cup das nächste Highlight, dass den Spielern mit einer ungewöhnlichen Prämie versüßt, wurde: einem Grundstück in Mosambik.
„Da werde ich auf jeden Fall ein Haus bauen. Dann haben meine Familie und Freunde einen Urlaubsort“, erzählte Ratifo im Gespräch mit dem SWR.
Kleinfeldliga und Musik: Ratifo mit vielen Talenten
Das ist aber nicht die einzige Besonderheit im Leben des 31-Jährigen. Denn seine Fußballbegeisterung und seine spezielle und sehr trickreiche Spielweise führte ihn auch in die Kleinfeldliga „Baller League“.
Dort spielte er unter anderem in der vergangenen Season für den FC Nitro, die Mannschaft von Influencer und Hoffenheim-II-Spieler NaderJindaoui. „Geiles Format. Ich feiere das sehr“, sagte Ratifo über seine Teilnahme.
Auch abseits des Fußball-Platzes fällt der Stürmer auf. Er ist auch mal als Model tätig und ist zudem ein durchaus erfolgreicher Rapper mit Musikvertrag.
Unter seinem Künstlernamen „Ratifo“ bringt er immer wieder Rap-Songs raus. Sein erfolgreichster Song „Lifestyle“ wurde auf Spotify immerhin fast 850.000-mal gestreamt.
Kann Ratifo DeutschlandTipps geben?
Doch jetzt geht es ab dem 24. Dezember erstmal nur um Fußball. Mit Mosambik geht es zum Auftakt des Afrika Cups gleich gegen die Elfenbeinküste ran (ab 18:30 Uhr im LIVETICKER).
Dort will das kleine Land erneut eine Star-Truppe ärgern, wie es schon 2023 beim 2:2 gegen Mohamed Salah und Ägypten gelang. An dieses Spiel hat Ratifo ganz besondere Erinnerungen.
„Das war unglaublich. Als wir gegen Ägypten gespielt haben, war eigentlich das ganze Stadion für Ägypten. Dann haben wir plötzlich 2:1 geführt und das ganze Stadion hat Mosambik geschrien. Das war ein geiler Moment. Da hatte ich echt auch Gänsehaut“, erinnert sich der 31-Jährige.
Gegen die Elfenbeinküste kann der gebürtige Deutsche dann auch etwas Erfahrung für das DFB-Team und einige seiner ehemaligen Mitspieler sammeln. Mit den Nationalspielern Chris Führich und Yann Aurel Bisseck spielte er einst in der zweiten Mannschaft des 1. FC Köln zusammen.
„Man steht schon noch in Kontakt. Die meisten verfolgt man auf Instagram und ab und an schreibt man sich dann auch mal hin und her. Wenn ich Chris schreibe, dass ich mal Tickets für ein Stuttgart-Spiel brauche, bekomme ich die auch“, erzählte Ratifo im SWR.
Vielleicht melden sich Führich und Bisseck vor der WM bei Stanley Ratifo und holen sich einen Rat vom ganz besonderen Afrika-Cup-Teilnehmer.